Mentale Modelle: Über schnelles und langsames Denken

Von Niklas Petrak |

Mentale Modelle sind ein grundlegendes Konzept der Wahrnehmungspsychologie und sind dort als Umsetzung eines Reizes in einen Zusammenhang beschrieben. Warum sie für die Gestaltung von digitalen Benutzeroberflächen eine zentrale Rolle spielen wird in diesem Beitrag beleuchtet.

Das Symbolbild zeigt ein bläulich gefärbtes Gehirn, das auf schwarzem Hintergrund von Data Grids umgeben ist.

Über schnelles und langsames Denken

Doch zunächst holen wir etwas weiter aus und werfen einen kurzen Blick auf die Theorie von Daniel Kahnemann der in seinem Buch mit gleichlautenden Titel die beiden Systeme „Schnelles Denken, langsames Denken“ beschreibt. So ist das System 1 als das schnelle Denken definiert und bezieht sich prinzipiell auf alle Dinge, die wir unterbewusst wahrnehmen, verarbeiten und verstehen. Werden wir aus dieser Routine herausgerissen z.B. durch Dinge, die wir nicht kennen, auf Anhieb verstehen oder die zu komplex sind um sie sofort zu lösen, meldet System 1, dass es Unterstützung benötigt und System 2 wird aktiv. Dieses System „denkt nach“ und löst komplexe Aufgaben, hat aber den Nachteil, dass dieser Prozess Energie kostet, was mit Ermüdung, möglicher Frustration und weniger Effizienz einhergeht.

Im Umkehrschluss bedeutet das, dass wir den Nutzer solange wie möglich im System 1 halten müssen, um ihm eine möglichst angenehme Benutzererfahrung zu bescheren. Aber wie macht man das?

Hier kommen die mentalen Modelle ins Spiel. Das menschliche Bewusstsein nimmt ständig Informationen auf und abstrahiert sie. So werden Objekte oder Prozesse als vereinfachte Modelle gespeichert, um sie schnell abrufen und mit neuen Informationen abgleichen zu können. Die Modelle können durch neue Erfahrungen geformt und verbessert werden, was als Lerneffekt bezeichnet wird. Ein mentales Modell beschreibt also wie ein Mensch ein Objekt oder einen Prozess gespeichert hat und damit auch, wie er es oder ihn kennt und verstanden hat.

UX Designer müssen mentale Modelle verstehen, um den Menschen zu verstehen

Um den Menschen wie oben beschrieben mit Dingen zu konfrontieren, die er kennt und versteht, müssen UX Designer bei der Entwicklung eines Software-Konzeptes großen Fokus auf die Analyse der späteren Nutzer legen. Wichtig dabei zu wissen: Durch innovative Gestaltung des Konzeptes lassen sich auch falsche mentale Modelle korrigieren.

Folgende Aspekte gilt es bei der Analyse zu betrachten:

  • Visualisierung von Entitäten

    Regel Nr 1: Text adressiert keine mentalen Modelle. Text muss gelesen und verstanden werden. Formen, Farbe und Bewegung werden direkt verarbeitet. Bei Visualisierungen gilt es den Abstraktionsgrad passgenau zu wählen. Nicht alles lässt sich auf 16 mal 16 Pixeln abbilden und auch nicht immer benötigt man ein komplexes 3D-Modell. Gerade bei Icons kommt hinzu, dass die meisten gelernt sind. Will heißen, dass die Herkunft, Alter und Erfahrung mit EDV eine große Rolle beim Verständnis von Icons spielen.

  • Ablauf von Prozessen

    Es gibt entscheidende Unterschiede, wenn ich in Deutschland oder in den USA zum Tanken fahre. In Deutschland weiß ich was zu tun ist, in den USA bin ich verwirrt - Prepay mit Kreditkarte oder fester Betrag an der Kasse, welchen Zapfhahn, etc? Genau soetwas muss ich in Software versuchen zu verhindern, indem ich verstanden habe wie der Nutzer den Prozess durchführt.

  • Verwendung von Begrifflichkeiten

    Jede Branche hat ihren ganz eigenen Fachjargon. Bildet man diesen nicht ab, fühlen sich alte Hasen der Branche nicht zuhause. Bildet man ihn ausschließlich ab, ermöglicht man neuen Nutzern keinen Zugang zum Fachgebiet und verwehrt ihnen eine niedrige Einstiegshürde. Es ist also Fingerspitzengefühl gefragt, wie man spezifische Begrifflichkeiten und gerade Abkürzungen verwendet.

Wie wir bei MAXIMAGO solche Nutzer- und Usecase-Analysen durchführen, beschreiben wir in unserem Artikel zu dem Vorgehensmodell AIM und Requirements Engineering.


Foto: Tatiana Shepeleva / stock.adobe.com

Lead User Experience

Niklas Petrak

Lead UX Engineer Niklas Petrak leitet das User-Experience-Team mit Konzept-Schwerpunkt. Der studierte Elektrotechnik-Ingenieur setzt dort seine Affinität für technische Zusammenhänge und Prozesse optimal ein, um innovative UI-Konzepte zu gestalten. In seiner Freizeit ist er passionierter Fotograf, Tennisspieler und Boulderer.

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