Ohne Fokus, ohne Mehrwert: Data Grids sind verantwortungslos

Von Niklas Petrak |

Wer Business-Software nutzt, kennt Data-Grids: Ellenlange und kilometerbreite Tabellen, die sich so wunderbar einfach mit Unmengen von Daten füllen lassen. Diese Daten reicht man einfach durch – man möchte dem Nutzer ja nichts vorenthalten. Dabei handeln die Entwickler vollkommen verantwortungslos. Denn so muss sich der Nutzer selbst einen Weg durch den Datendschungel suchen - ohne Fokus, ohne Unterstützung und ohne Mehrwert, kurzum: Ohne befriedigende User Experience.

Ein Mann sitzt vor einem Acer-Monitor. Er benutzt die Google-Bildersuche, um Beispiele für gute und schlechte Datagrids zu finden.
Das Internet ist voll von Beispielen für Data Grids.

Der Sechs-Punkte-Plan für echten Mehrwert

  • 01

    Informationen reduzieren

    Gerade technische oder datenbankbezogene Informationen sind of nur da, „weil es schon immer so war“. Deshalb ist der erste und zugleich schwerste Schritt, nur die wirklich benötigte Menge an Information herauszufiltern. Dazu müssen folgende Fragen beantwortet werden:

    • Warum ist der Nutzer hier?
    • Was ist sein Ziel?
    • Welche Informationen benötigt der Nutzer, um dieses Ziel zu erreichen?

     

    Relevanz ist der Schlüssel. Muss der Nutzer wirklich 100 Zeilen gleichzeitig sehen, obwohl er nach „Miller's Law“ maximal neun Informationen gleichzeitig aufnehmen und höchstens eine Handvoll Aufgaben gleichzeitig verarbeiten kann? Sind seine Fähigkeiten für die dargestellten Aufgaben ausreichend und ist er befugt, sie zu verarbeiten? Sind die Spalten „Erstelldatum“, „Ersteller“, „ID“, etc. hilfreich für ihn?

  • 02

    Informationen weiter reduzieren

    Der erste Schritt ist so immens wichtig, dass wir ihn direkt zweimal machen! Mit wachsender Erfahrung im Requirements Engineering fällt das „Weglassen“ immer leichter und das fördert die Übersichtlichkeit.

  • 03

    Fokus / Aufmerksam lenken

    Aus einer Menge von ähnlichen Elementen sticht das am meisten hervor, was sich am meisten von den anderen unterscheidet (Restorff-Effekt). Die Gestaltung der Elemente gibt uns also die Möglichkeit, relevante Elemente hervorzuheben: Ein durchdachtes Farbkonzept oder gestalterische Mittel wie unterschiedliche Schriftschnitte zeigen dem Nutzer damit gezielt Handlungsbedarf auf oder bieten ihm einen empfohlenen Einstieg.

  • 04

    Interpretation vereinfachen

    Die übrig gebliebenen Informationen werden so aufbereitet und visualisiert, dass der Nutzer sie so effektiv versteht und verarbeitet. Ein simples Beispiel sind Datumsangaben. Eine simple Anzeige „Morgen“ im Datumsfeld vermeidet, dass der Nutzer aufwändig das heutige Datum mit dem morgigen im Kopf vergleicht, um die selbe Info zu erhalten. Hier spielen mentale Modelle ein entscheidende Rolle.

  • 05

    Perspektiven anbieten

    Filter sind wichtig, um die Datenmenge weiter einzuschränken, ohne dem Nutzer etwas vorzuenthalten. Aber auch hier ist es nicht damit getan, Spaltenfilter anzubieten und den Nutzer sich selbst zu überlassen. Der Nutzer sollte auf sinnvolle Filterkombinationen direkt zugreifen können. Eine zusätzliche Anzeige der zu erwartenden Ergebniszahl ermutigt den Nutzer, die Daten aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten ohne das Gefühl für die Gesamtmenge zu verlieren. Komplexe Filtereditoren sind vor allem im Produktmanagement beliebt. Hier gilt die Grundregel: Boolsche Algebra versteht niemand. Der komplexeste denkbare Filter ist selten der komplexeste genutzte Filter.

  • 06

    Abkürzungen anbieten

    Eine zuverlässige Suche ist essenziell, wenn viele Daten im Spiel sind. Eine Volltextsuche mit Livesearch hat sich hier als Best-practice bewährt. Weitere Abkürzungen ergeben sich häufig durch das intelligente Vorbelegen von Eingabefeldern oder in-place-Aktionen auf Elementen

Wenn User-Experience-Engineers diese Punkte berücksichtigen, ist der Grundstein gelegt,um sich über alternative Visualisierungsformen für Daten Gedanken zu machen.

Lead User Experience

Niklas Petrak

Lead UX Engineer Niklas Petrak leitet das User-Experience-Team mit Konzept-Schwerpunkt. Der studierte Elektrotechnik-Ingenieur setzt dort seine Affinität für technische Zusammenhänge und Prozesse optimal ein, um innovative UI-Konzepte zu gestalten. In seiner Freizeit ist er passionierter Fotograf, Tennisspieler und Boulderer.

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